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FAKESIMILAR

“ wo nichts echt ist, kann nichts mehr gefälscht werden ”


ironie muss nicht hässlich sein!

fakesimilar greift die künstlerische kernfrage von umgang mit wirklichkeit zeitbedingt auf und variiert auf verschiedenen visuellen und technischen ebenen das thema von echtheit, wahrnehmung und substanz. im vordergrund stehen zwei wesentliche konzeptionen, die einander bedingen und ergänzen: abbildungen von abbildungen und transformierende spiegelungen.

erstere bezeichnen die im schaffensprozess nach fotovorlagen entstandenen quasi re-analogisierungen und re-individualisierungen digitaler „vor-bilder“. insbesondere die pointillistischen porträts unterstreichen in ihrem technischen rekurs auf die pixelstruktur digitaler bildverarbeitung diese form der doppelten brechung. es geht weniger um klassische mimesis im sinne eines imitatio-aemulatio tradierten abbildungs-verständnisses, sondern um eine energische rückgewinnung durch reflexion und irritation von organischer bildaussage.
dabei stehen die differenziert pointillistischen schwarz-weiß porträts für ein ironisches zitat von medialer präsenz, indem sie dem digitalen bildaufbau gleichen und dem sehen medial gewohntes subtil anreichern, verändern und lebendig machen. die betont perzeptuell gehaltene porträtskizzen stellen das „als- ob“ ihrer wirkung bewusst und gewollt in die aufmerksamkeit: ironisch gestaltet mit dem signum „fakesimilar“.

fakesimilar kennzeichnet die abbilder als unechte echte, als oszillierende brechung. dabei bilden die wie dekor eingebrachten bänder bunter labels den anderen pol des in serie eröffneten kontinuums: neben den porträts als re- analogisierenden bildzitaten stehen die labels als technisch erstellte, ästhetisch ansprechende irritationen, welche die zunehmende entpersönlichung und individuelle indifferenz moderner gesellschaft aufnehmen und mit ihr spielen. marken als orientierungs- und differenzierungskriterium sozialer positionierung werden ironisch gedreht, gebrochen und vermittels ihrer ebenfalls allgemeiner sehgewohnheit entspringenden primären attraktivität gleichermaßen zu einer irritation im zweitem blick.
die ausstellung als ganzes betont die persönlichkeit als zentrum und träger von individualität und lässt dabei gleichwohl ästhetische momente des faksimilen zu, wohl wissend um die oszillation von schönem schein auf der einen und substanzverlust auf der anderen seite.


frauen-brüste
frauen-brüste nackt, provokant ohne kopf und korpus abgebildet sind in der bildsprache jüngster vergangenheit synonym für sexuelle befreiung, enttabuisierung, brechen von überkommenen normen und reflex auf und unhintergehbares, individuelles anrecht auf eigene entfaltung. aufgegriffen in der posenden manier des pop art mit erkennbarer künstlichkeit, qua chirurgischer intervention re- analogisiert im pointillismus und graphisch belegt mit dem logo des FAKESIMILAR wird dieses motiv zum attraktiv-aversen synonym einer selbstreferenten gesellschaftlichen interaktion des „als- ob“.

zu den bildern von richter und warhol
kontingenz als das mögliche aber nicht notwendige, heißt im letzten nicht notwendig beliebigkeit aber auch nicht mehr. kombiniert mit der kommerzialisierung von welt und damit auch von kunst und der rückbezüglichkeit derselben auf die die universelle handelbarkeit von etwas ermöglichende kontingenz ergibt sich die ironische ästhetisierung des alltäglichen, das nicht länger nur banal ist, sondern in seiner akzeptierten kontingenten dinglichkeit proprium von wirklichkeit wird.

insofern ist nur konsequent wenn agneta dziubek warhol zitiert, personifiziert und in den kommerziellen und konsumistischen schein von FAKESIMILAR stellt. gleiches gilt für richter, dessen verdienste um die abbildung von kontingenz zu ähnlichem spiel einladen.

die entwicklung
kubistische abstraktionen in schwarz-weiß bilden den übergang von tradierter technik und form zum pointillistischen angang vorliegender serie. in der auflösung von raum und perspektive in quadratisch-kubische formen zeigt sich die wendung zur organischen digitalisierung, die zuerst suchend ohne konsequente figurale aussage den klassischen weg kubistischer abstraktion aufnimmt, um dann in der pointillistischen re-analogisierung figürliche darstellung wiederzugewinnen und die bildaussage aus montierten miniaturen punkten differenzierter schwarz-weiß struktur gewinnt. so wird abstraktion überwunden und aufgrund fotografischer vorlagen zur doppelten brechung gebracht.


prof. dr. bernd glazinski
köln, 2011
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